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15.04.2021

Klein und schon ganz groß

Eine neue Spiellandschaft bringt Fürther Kinderkrippe und Rummelsberger Schreinerei näher zusammen

Während für viele Wirtschaftszweige des Landes das Jahr mit einer erzwungenen Pause beginnt, ist von Ruhe in der Rummelsberger Schreinerei wenig zu spüren. Es wird gesägt und geschliffen, lackiert und furniert. „Unser Handwerksbetrieb stand wegen Corona nicht einen einzigen Tag still“, sagt Betriebsleiter Roman Bierig. Der Schreinermeister, vier Gesellen und acht Auszubildende im Alter von 16 bis 30 Jahren sind in der Werkstatt tätig. Im Eingangsbereich warten fertiggestellte Küchenschränke auf ihren Einbau. Neben Betten, Kommoden und Küchenmöbeln für Privatpersonen entstehen in der Schreinerei auch Möbel für soziale Einrichtungen und Büros. „Viele Schreinereien sind heute spezialisiert, aber in Rummelsberg lernen die Auszubildenden noch die komplette Bandbreite des Tischlerhandwerks kennen“, erzählt Bierig. 
Gelegentlich „schmuggelt“ sich ein besonders ausgefallenes Projekt zwischen die verschiedenen Aufträge. Wie die individuell geplante Spiellandschaft für die Kinderkrippe „Hopfenspeicher“ in Fürth, deren Träger auch die Rummelsberger Diakonie ist. Auf vier miteinander verbundenen Podesten können die Kinder künftig spielen. Der hölzerne „Rohbau“ steht bereits, jetzt geht es an den Feinschliff. Bullaugen zum Durchschauen in den Wänden, Regalböden, Beläge und hier und dort etwas Farbe: In die Spiellandschaft, die neun Quadratmeter einnimmt, werden Schreiner Ewald Rachny, der das Projekt federführend begleitet, und die Auszubildenden noch einige Stunden investieren. Auch Julia (Name geändert) hat bereits tatkräftig mitangepackt. Sie hat ihre dreijährige Ausbildung im vergangenen August in der Schreinerei begonnen. „Die Spiellandschaft ist etwas Besonderes und kein Projekt wie jedes andere“, sagt die 26-Jährige, die ihre handwerkliche Arbeit schätzt. „Holz gefällt mir als Material sehr gut und es ist schön zu sehen, was mit den eigenen Händen daraus entsteht.“ Die Schreinerei bildet Jugendliche und junge Erwachsene mit besonderem Förderbedarf aus. Bei Julia führte eine psychische Erkrankung dazu, dass sie auf ihrem beruflichen Lebensweg einige Umwege gehen musste, wie sie selbst erzählt. „Hier ist der Rahmen sehr viel geschützter. Es wird sehr darauf geachtet, wie es mir geht.“ 
An Tagen, an denen sie nicht im Betrieb mitarbeitet, nimmt Julia am Unterricht der trägereigenen Förderberufsschule teil oder besucht die Lehrwerkstatt. Sie wohnt im angegliederten Internat, nur einen kurzen Fußweg von der Schreinerei entfernt. Roman Bierig und seine Mitarbeiter binden die acht Auszubildenden nicht nur in die vielfältigen Kundenaufträge der Schreinerei ein und begleiten sie fachlich, sondern sind auch wichtige Bezugspersonen. „Die jungen Menschen haben besondere Gaben und 
wir helfen ihnen dabei, diese zu nutzen“, sagt Roman Bierig. Sie selbst sei zuversichtlich, ihre Ausbildung zu meistern, sagt Julia. „Die Ausbildung läuft trotz Corona weiter und ich denke, mit der Unterstützung, die ich hier erhalte, werde ich es schaffen.“
In Fürth ist Krippenleiterin Anja Slavik derweil voller Vorfreude auf die neue Spiellandschaft: „Sie wird den Kindern so viele Bewegungsmöglichkeiten bieten.“ In der Zusammenarbeit mit Roman Bierig brachte sie viele Gestaltungsideen ein. Der Schreinermeister setzte ihre Vor-stellungen nach einer Besichtigung der Krippe, die sich in einem früheren Hopfenspeicher befindet, mit einer technischen Zeichnung um. In der Planung musste er einige Besonderheiten berücksichtigen. So trägt sich die Holzkonstruktion selbst, denn aus Gründen des Denkmalschutzes darf sie nicht an den Wänden befestigt werden. Auch die Sicherheit der Kinder muss gewährleistet sein. Wenn die Spiellandschaft fertiggestellt ist, werden die Kinder die vier unterschiedlich hohen Ebenen über Treppenstufen und eine wellenförmige Rampe aus Rundhölzern erreichen. Verschiedene Beläge wie Teppich, Sisal und Kork bieten den kleinen Händen und Füßen besondere Sinneseindrücke. Im Hohlkörper unterhalb des höchsten Podestes können sie einen Kaufladen für Rollenspiele einrichten oder sich in eine Art Höhle zurückziehen. 
Die Bewegung zu fördern gehört zu den Schwerpunkten des pädagogischen Konzeptes der Krippe. Schließlich fällt die Zeit dort in jene Entwicklungsphase, in der die Kleinkinder das Laufen erlernen. „Manche trauen sich die Treppe hinauf, aber nicht hinunter. In der Spiellandschaft werden sie sich langsam vortasten können. Und wer gerade das Laufen lernt, hangelt sich einfach hoch oder krabbelt“, sagt Anja Slavik. Außerdem fördert die Bewegung den Spracherwerb, weil die Motorik zur Verständigung beiträgt. Das Podest bietet ihnen darüber hinaus neue Perspektiven, werden die Kleinen doch auf einmal ganz groß sein und aus der Höhe auf ihre Erzieherinnen blicken können. Zwar steht den Kindern in einem der zwei Gruppenräume bereits eine Spiellandschaft aus Holz mit Bällebad und Kuschelecke zur Verfügung, doch ist diese nicht annähernd so hoch.Regulär besuchen 24 Kinder im Alter von sechs Monaten bis drei Jahren die Krippe, die sich nur wenige Meter entfernt vom Fürther Stadtpark befindet. Doch begrüßten Anja Slavik und ihre fünf Kolleginnen im Lockdown zu Jahresbeginn nur etwa die Hälfte der angemeldeten Kinder. Schließlich schränkte die Notbetreuung den Kitabetrieb ein. „Bei 90 Prozent der Familien sind beide Elternteile berufstätig. Das heißt, es steht eine gewisse Notwendigkeit dahinter, dass sie ihre Kinder in die Krippe bringen“, sagt die Kitaleiterin und ergänzt: „Wir als Team sind wirklich dankbar, dass wir wenigstens diese wenigen Kinder betreuen können. Ganz ohne Kinder würde uns natürlich der Hauptinhalt unserer Arbeit fehlen.“ Am Alltag habe sich wenig für die Kinder geändert, sehe man von dem Mund-Nasen-Schutz der Erzieherinnen und gestrichenen Spaziergängen in die Innenstadt ab. „Sie erleben hier ein Stück Normalität und haben vertraute Personen um sich“, sagt Anja Slavik. Bald dürfen sie sich auf eine besondere Attraktion freuen, die sie sicherlich mit Neugier entdecken werden.


Von: Kerstin Smirr

Anja Slavik, Leiterin der Krippe „Hopfenspeicher“, freut sich auf die Spiellandschaft, die den Kindern neue Möglichkeiten der Bewegung bieten wird. (Foto: Joanna Bareka)

Während Betriebsleiter Roman Bierig (l.) die neue Spiellandschaft entwarf, übernahm Schreiner Ewald Rachny gemeinsam mit den Auszubildenden die Anfertigung. Noch fehlt der Feinschliff, doch das Grundgerüst der neuen Spiellandschaft steht bereits. (Foto: Kerstin Smir)

Schreiner Ewald Rachny hat die Spiellandschaft mit der Hilfe von Auszubildenden gebaut: „Sie lernen hier viel, weil die Aufgaben in der Rummelsberger Schreinerei so vielfältig sind. Das ist eine echte Chance.“ (Foto: Kerstin Smirr)